Lars Gustafson – Der Dekan

K640_Der_DekanHauser Verlag 2003 – 189 Seiten.

>>Spencer war Nachwuchsprofessor in Austin. Zur Überraschung aller pflegte der leitende Dekan Chapman zu Spencer eine unverstandene Affinität und ernannte ihn zum Prodekan. Fortan war er die rechte Hand des Mächtigen, der seit dem Vietnam Krieg an den Rollstuhl gefesselt war. Die Geschichte wird als lose Blatt-Sammlung vorgestellt, gefunden im Auto des spurlos verschwundenen Spencer, dessen lückenhaften Notizen die letzten zwei Jahre überspannen bis er sich unvermittelt in die menschenleere Wüste Texas´ zurückzog um die „Fragen hinter mir zu lassen“. Was war passiert?

Spencer schien die Rolle des akademischen Kummerkastens im Umfeld des Dekans zugewiesen worden zu sein, die er geduldig annahm. Der Dekan überhäufte Spencer mit überzogenen, selten philosophischen, oft sarkastischen Monologen. Als Vietnam Veteran war der Dekan nicht nur körperlich vom Krieg gezeichnet. Auch seelisch ramponiert schwankte er zwischen nihilistischer Ablehnung, politischer Verurteilung und draufgängerischer Großspurigkeit. Zahllose Leichen pflasterten seine Flugrouten als Hubschrauber Kommandant. Für seine Querschnittslähmung machte er einen Verräter aus, der prompt liquidiert wurde.
Vielleicht war es diese Tat oder das vorausgegangene Massaker, welches den Reporter Smith auf den Plan rief. Smith setzte sich hartnäckig auf die Spur des Dekan, um nach all den Jahren die Wahrheit für eine Veröffentlichung zu recherchieren. Im Dekan wurden alte Kampfreflexe wach. Seinem Adlatus Spencer bot er einen verschwiegenen Tausch an: Leiche gegen Leiche – zwei Männer helfen einander mit Morden. Ohne dass der Text tatsächlich Klarheit schafft, scheint Spencer Smith später zu erschießen, während der Dekan für Spencer dessen Nebenbuhler Derek beseitigte. Derek war wohlhabender Cousin von Spencer und neuer Lebensgefährte von Spencers Freundin Mary Elisabeth. Derek tauchte am Ende von einer seiner Dienstreisen nie wieder auf ohne dass sein Leichnam je gefunden wurde.
Zahlreiche Handlungsstränge offenbaren sich dem Leser nur als vage Ahnung bis hin zur ultimativen Frage, ob Spencer am Ende nicht sogar den Dekan umbrachte, da diesem Spencers Geheimnis vertraut war –sofern es dieses Geheimnis überhaupt gab. Auch hier bleiben Tat, Opfer und Täter bewusst im literarischen Nebel verhüllt. Hat Spencer sich nicht wie der faustische Fussballtrainer dem Teufel verschrieben um jedes Spiel zu gewinnen – so wie es seine Freundin Mary Elisabeth in einem neuen Drama inszenieren wollte? Entledigte Spencer sich am Ende des Teufels in Person des Dekans im Versuch seine Seele zurück zu gewinnen und verlief sich damit aber am Ende auf der Flucht vor sich selbst: „eine Person Spencer Spencer hat es nie gegeben“ lesen wir in seinen Aufzeichnungen. Mit Spencers vermuteten Selbstmord dürfte der suggerierte Leichenberg auf fünf angewachsen sein: zwischenzeitlich ein erhängter Verwaltungschef, Smith, Derek, der Dekan und Spencer. Eine gewisse Raffinesse liegt in der verschlüsselten literarischen Wegführung, die letztlich offen lässt, ob es überhaupt Tote gab.

Ob die als Krimi anmutende Prosa inhaltlichen Tiefgang beinhaltet, darf vermutet werden etwa beim leichtfertigen Umgang des Dekans mit Leben und Leben nehmen. Dennoch bleibt der Roman ein bemühter Zellkasten teils unzusammenhängender Episoden und Gedankensprünge, denen der rote Faden zu oft abhanden kommt. Note: 3/4 (ur)<<

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