Ernest Hemingway – Der alte Mann und das Meer

K1024_der alte Mann und das Meerrororo 2012 144 Seiten.

>> Nobelpreis hin oder her: Ich habe mich gelangweilt bei der Lektüre dieses Klassikers. Die lakonische, einfache Sprache, in der parabelhaft der ewige Kampf des einsamen Fischers Santiago mit dem Meer erzählt wird, wirkt heute doch ein wenig abgehangen und wenig aufregend. Die Kernbotschaft: „Man kann vernichtet werden, aber man darf nicht aufgeben“ (S.117)  ist unverzichtbarer Teil des fragwürdigen Selbstbildes der amerikanischen Nation, verinnerlicht vor allem durch den von Hollywood gepflegten Mythos des Siedlers in den unendlichen Weiten des Westens. Note: 3 (ün)<<

>> 84 Tage fährt der alte Fischer Santiago hinaus aufs Meer ohne einen Fisch zu fangen.  40 Tage in Begleitung des  Jungen Manolin . Aber es ist keine „endgültige Niederlage“ des alten Mannes. Die letzte Fahrt hinaus aufs Meer bringt die Wende. Ein riesiger Marlin „niemals habe ich etwas Größeres und Schöneres oder Ruhigeres  oder Edleres gesehen“ hat angebissen und zwischen Fischer und Fisch entwickelt sich eine merkwürdige Schicksalsgemeinschaft. In Selbstgesprächen und fiktiven Gesprächen mit dem  Fisch erhält der „Show-down“ weit draußen vor der Bucht von Havanna eine philosophische Dimension.  Respekt und Würde („ungeheure Würde des Fisches“) kennzeichnen den Zweikampf zwischen Mensch und Natur. Ein Todeskampf auf Augenhöhe allerdings ist es nicht, bedeutete doch das Kappen der Leine für den Fischer nur den Verlust der Ware, nicht aber den Verlust des Lebens. So gesehen sind verbale Tötungshemmungen „Der Fisch, mein Freund“, „Bruder  Fisch“, „Es tut  mir Leid, Fisch“ auch angesichts des Berufsethos eines Fischers obsolet. Solche Wertschätzung des Opfers genießen übrigens Markrele, Thunfisch und andere nicht, ganz zu schweigen vom Killerimage bestimmter Haie, denen Santiago mit Harpune, Messer, Keule wenig zimperlich zu Leibe rückt. Was zunächst nach zweitägigem und nächtigem –  auch für den Fischer – blutigem Kampf mit der Harpunierung des Fisches als Sieg erscheint, verliert mit dem Auftritt der Haie im wahrsten Sinne jede Größe . Der Kreislauf der Natur verhindert den großen Fang. Statt reicher Beute, statt auskömmlicher Lebensgrundlage bleibt vom großen Fisch ein Kopf und ein stattliches Gerippe, das am  Strand vor der „Terrace“ von unwissenden Touristen für einen Hai gehalten wird .  Was aber für Santiago und den Hemingwayschen Leser bleibt, ist das sattsam bekannte immer wiederkehrende uramerikanische Credo: „Aber der Mensch darf nicht aufgeben…Man kann vernichtet werden, aber man darf nicht aufgeben“. Santiago – ein sehr gebrochener Heldenmythos- in einfacher Sprache, mit noch einfacherer Botschaft.
Die Faszination und die Aura, die diese Erzählung seit ihrem Erscheinen umgibt, wollte sich bei mir nicht einstellen. Ernest verzeih! Note : 3/4 (ai) <<

>> Hervorgegangen aus einem kürzeren Zeitschriftenbeitrag 1936 formte E.H. die 1951 vorliegende Form der Santiago Geschichte zu einer Parabel über die schicksalhafte Verknüpfung von Lebensbestimmung an der Sollbruchstelle von kargem Leben, sinnstiftender Aufopferung, ihrer Vergeblichkeit und tödlicher Begegnung zwischen den Kreaturen. Schon 3 Jahre später erhielt Hemingway auch dafür den Literaturnobelpreis. In schlichter Prosa zeichnet er das Wertesystem eines einfachen Lebensentwurfs. In diesem dient das gefahrvolle Hochseefischen eines alten Mannes nicht nur dem Lebenserhalt sondern ist auch die Bühne für das Selbstwertgefühl. Die Ich-Steigerung und das damit einhergehende Töten entpuppt sich als respektvolles Kräftemessen, in dem der eigene Tod nicht gescheut, sondern als verdienter Erfolg der sich wehrenden Natur nicht ausgeschlossen wird. Ein Mann kämpft, hart gegen sich selbst, unbeirrt, aufrichtig und prinzipienfest. In diesem Sinne auch Sinnbild amerikanischer Ideale. Und dennoch steckt in der Parabel auch ein antiidealistischer, fatalistischer Zug, denn dieser Kampf entpuppt sich als vergebens und die Frage steht im Raum, ob er besser nicht hätte gekämpft werden sollen.
Der alte Fischer Santiago träumte schon lange nicht mehr von den großen Kämpfen und den Frauen, wenn er in seiner dürftigen Hütte auf dem zusammengerollten Hemd seinen Kopf für die Nachtruhe bettete. Der 85ste Tag würde morgen anbrechen, ohne dass er einen einzigen Fisch gefangen hatte. Der kleine Junge brachte ihm in aller Frühe einen Kaffee, wie er überhaupt wie ein Alter für den Alten sorgte. Wieder stieg der Fischer in sein schon lange leidendes Boot, wie immer ohne Proviant und ruderte weiter ins Meer hinaus als sonst. Das Meer war für ihn nicht der Feind el mar, für ihn war die weibliche See eine schenkende Frau, wenn auch von launischer Natur. Drei lange Leinen mit kleinen Sardinen gespickt, ließ er in unterschiedliche Tiefen hinab, während er weiter in den Horizont trieb. Eins mit dem Dialekt des Meeres verstand er die Sprache der Makrelen, ließ sich von den Fregattvögeln lenken, schätzte die Meeresschildkröten, die mit Genuss die gallerte Agua mala mit ihren feuerschmerzenden Tentakeln fraß und liebte die Gutmütigkeit der Tümmler.
Endlich biss ein weißer Thunfisch an, der einen prächtigen Köder abgeben sollte. Wie er viel später feststellte, hatte tatsächlich in einhundert Faden Tiefe ein unglaublich schwerer Marlin den Thunfisch verschlungen. Der Marlin war so gewaltig, dass er das Boot auf das offene Meer hinauszog. Immer die gleiche Richtung, immer die gleiche Geschwindigkeit, nie auf- und nie abtauchend. Dennoch mit sich nicht im Geringsten erschöpfender Kraft. Damit das Seil durch einen plötzlichen Zug des Fisches nicht riss, hatte es der alte Mann um seinen Rücken gewunden. Es war ihm unmöglich gegen die Kraft des Fisches das Seil einzuziehen. Unbändig war der Zug. Lange war schon kein Land mehr in Sicht. Die Nacht war hereingebrochen, der schmerzende Rücken wurde fast unerträglich. Doch der Alte gab nicht nach, selbst nachdem er durch eine abrupte Bewegung des Fisches blutig zu Boden gerissen wurde. Der Morgen brach an und die sengende Sonne begann die Luft erneut zu fressen. Der quälende Krampf seiner um das Seil gepressten Hand war nicht mehr zu lösen. Dann stieg der Fisch an die Oberfläche. Es war ein riesiger Marlin, größer als man je zuvor einen gesehen hatte, noch größer als das Boot. Unmöglich ihn ins Trockene zu holen.
Trotz des Respekts für die Kreatur war der Wille des Alten unbändig. Ebenso der Glaube an sich, nachdem er vor vielen Jahren einen eine ganze Nacht dauernden Kampf im Armdrücken gewonnen hatte. Es blieb das unerschütterliche Gefühl mit festen Willen jedes Ziel erreichen zu können. Er wusste, dass er den Fisch niederkämpfen würde, selbst wenn dieser ihn töten sollte. Dies war ihr gemeinsames Schicksal. Der riesige Fisch wurde langsamer und gab dem Alten die Möglichkeit kleine, gefangene Fische roh zu verschlingen um bei Kräften zu bleiben. Es würde aber keinen Menschen geben, der es wert gewesen wäre, sich so einen stolzen Marlin einzuverleiben. Die zweite Nacht brach herein. Plötzlich explodierte der Fisch aus dem Ozean, sprang wieder und wieder in die Höhe, um krachend ins Meer zurückzustürzen, während das rasend schnell nachgebende Seil dem Alten Hand und Rücken versengte. Bis zum Morgen sollte der Fisch zunehmend an Kraft verlieren, immer engere Kreise um das Boot ziehen, um schließlich entlang des Bootes hin- und her zu schwimmen, was der Alten nutzte, um die Leine immer weiter zu verkürzen. Als der Fisch an der Oberfläche dicht am Boot vorbeizog, rammte er ihm die Harpune so tief in den Rücken, dass das Herz durchstoßen wurde. Er hatte noch nie einen so edlen Bruder gesehen. Jetzt füllte er sich schlecht – nicht weil er überlebt hatte, sondern weil sein Sieg die Niederlage dieser würdevollen Natur war. Dennoch war dieses seine Bestimmung.
Der Alte vertäute den Marlin am Boot und setzte das kleine Segel. Schon nach einer Stunde brach der erste Hai ein riesiges Stück aus dem Marlin. Auch wenn der Alte mit der Harpune den Hai erlegen konnte, war seine Würde und die seines angefressenen Bruders schmerzlich entweiht. Bald folgten weitere Haie, gegen die der alte Mann mit sinkendem Erfolg erbitterten Widerstand leistete. Bei jedem Angriff der Jäger wurde der große Fisch in kleinere Stücke gerissen. Bei jedem Angriff büßte der Fischer weitere Waffen ein, bis er schließlich sogar die Pinne vom Ruder riss, um hilflos auf die fressgierige Horde einzuknüppeln. Während die Nacht noch geduckt auf dem Ozean lag, zerfiel der stolze Marlin zu einem fleischlosen Gerippe. Der Alte hatte den Kampf verloren. Er war ebenso getötet worden. Jetzt fraß die Reue ihn, denn sein Töten war den Tod nicht wert gewesen.
Gegen Morgen erreichte er irgendwie den kleinen Hafen. Leer verkroch er sich in seine Hütte, wo ihn später der Junge fand, während die Dorfbewohner ungläubig vor dem gewaltigen Skelett standen, das immer noch an der Bordwand hing. Ja, er würde mit dem Jungen wie früher wieder hinausfahren. Der Kleine wollte noch so viel lernen.
Note: 
2– (ur)<<

 >> Der Inhalt des Romans ist Ihnen, geneigter Leser, geneigte Leserin, sicherlich nicht unbekannt. In einem Projekt der lokalen Gender-Mainstreamforschung (gefördert mit Dritt- und Viertmitteln sowie der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG) wird derzeit untersucht, wie der Roman ausgesehen haben könnte, so der alte Mann eine alte Frau gewesen wäre. Erste Zwischenergebnisse zeigen, dass sich sowohl der Schwertfisch als auch die Haie nicht wesentlich anders verhalten hätten. Sie folgen ihrer naturgemäßen Bestimmung, basta. Die Kommunikation Fischerin- Schwertfisch wäre hingegen sicherlich noch etwas empathischer ausgefallen. Und Hemingway hätte sich die langweiligen Einschübe zum Thema  Baseball locker sparen können. Ebenso Santiagos Träume über Löwen. Welche Frau träumt von Löwen? In der Forschung konnten bislang nur Hauskatzen als Traumthemen nachgewiesen werden. Manche Reflexionen würden, von einer Frau gedacht, an Tiefgang gewinnen. Mit vier Sätzen (Seite 84) kann dies leicht belegt werden: „Stell dir mal vor, wenn eine Frau jeden Tag versuchen müsste, den Mond zu töten, dachte sie. Der Mond läuft davon. Aber stell dir mal vor, wenn eine Frau jeden Tag versuchen sollte, die Sonne zu töten. Wir sind noch glücklich dran, dachte sie.“ Das dachte ich auch. Bis heute.
Und Santiago? Ich glaube, wir müssen uns Sisyphos Santiago als glücklichen Menschen vorstellen. Note:  3 (ax)<<